DEKANAT / BIEDENKOPF. Martin Luther mit Heiligenschein? Kaum vorstellbar – und doch trieb die Luther-Verehrung schon zur Reformationszeit manch seltsame Blüte. Manche Erinnerungsstücke an den Reformator könnten durchaus mit katholischen Devotionalien mithalten, erklärte Pfarrer Dr. Reiner Braun bei der Eröffnung der Sonderausstellung „Luthers Spuren im Hinterland“ in seinem unterhaltsamen Vortrag.

Auf große Resonanz stieß die Schau „Luthers Spuren im Hinterland“ schon bei der Eröffnung: Bevor Museumsleiter Gerald Bamberger in die Ausstellung einführte, mussten Stühle nachgestellt werden. (Foto: Kordesch/eöa)

Eine Uhr mit Luther-Konterfei, „Luther-Socken“ oder das Scherz-Medikament „Lutherol“ – unter den rund 150 Exponaten im Hinterlandmuseum Schloss Biedenkopf, die Landrätin Kerstin Fründt und Dekan Andreas Friedrich am Donnerstagabend im Rahmen einer Vernissage eröffnet haben, finden sich auch aktuelle Beispiele für das Bemühen, aus der Popularität des Reformators Profit zu schlagen.

Mehrere wertvolle, rund 300 Jahre alte Lutherbibeln sind Bestandteil der Ausstellung „Luthers Spuren im Hinterland“, die bis zum 3. Oktober im Hinterlandmuseum Schloss Biedenkopf zu sehen sein wird. (Foto: Kordesch/eöa)

Die meisten Ausstellungsstücke allerdings sind historische Zeugnisse ernsthaften lutherischen oder reformierten Glaubens. Mehrere um die 300 Jahre alte Lutherbibeln, Lutherschriften wie vier Exemplare der „Tischreden“, sogenannte Marburger Gesangbücher, Bilder von Luther und anderen Reformatoren sind ebenso zu sehen wie Konfirmationsscheine, Münzen und Medaillen mit dem Konterfei Luthers, wie Museumsleiter Gerald Bamberger den mehreren Dutzend Besuchern ankündigte. Die Ofenplatte des Frankenberger Meisters Philipp Soldan aus dem 16 Jahrhundert, auf der ein Papst, ein Kardinal und ein Bischof beim Jüngsten Gericht auf dem Weg in die Hölle dargestellt sind, ist eines der ganz besonderen Schaustücke der Ausstellung, die der Kirchengecshichtliche Ausschuss des Evangelischen Dekanats Biedenkopf-Gladenbach und das Hinterlandmuseum gemeinsam ausrichten.

Es lohnt sich auch heute noch, an Martin Luther zu erinnern: Im Lutherrock gewandet hielt Pfarrer Dr. Reiner Braun aus Dautphe seinem Festvortrag. (Foto: Kordesch/eöa)

Warum es sich heute lohnt, an Martin Luther zu erinnern“, hatte Pfarrer Dr. Reiner Braun aus Dautphe seinem Festvortrag überschrieben. Obwohl die Denk- und Lebenswelt der Reformation heute weiter entfernt sei als je zuvor, sei Luthers Einstellung zu Freiheit und Verantwortung aktuell wie nie: In „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, wie eine der wichtigsten Schriften Luthers heißt, verbinde der Theologe Freiheit und Verantwortung. „Freiheit scheint heute in hohem Maß zur Beliebigkeit mutiert zu sein“, sagte Braun: „Umso wichtiger, dass da einer auch die Verantwortung anmahnt, die wir voreinander, gegenüber dem Staat und vor Gott haben.“

Auf Münzen und Medaillen ist Luther in den vergangenen Jahrhundert verewigt worden. (Foto: Kordesch/eöa)

Auch Luthers Rechtfertigungslehre sei in der gnadenlosen Welt von heute erinnernswert, betonte der Dautpher Pfarrer, der passend in einen Lutherrock – geschneidert nach der Mode der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – gekleidet erschienen war. „Wir sind vor Gott gerechtfertigt allein aus Glauben, allein aus Gnade, allein durch Christus“, wie Luther auf der Suche nach der Heilsgewissheit erkannt habe. Hier habe die Reformation allerdings das Bild eines lieben, gnädigen Gottes durchgesetzt, „der so harmlos ist, dass man ihn eigentlich auch guten Gewissens vergessen kann“. Doch je weniger die Menschen das Gericht fürchteten, desto gnadenloser seien sie im Umgang miteinander, mahnte Braun.

Rund 150 Ausstellungsstücke führen die Besucher im Hinterlandmuseum Schloss Biedenkopf auf „Luthers Spuren im Hinterland“. (Foto: Kordesch/eöa)

Schließlich sei die Freunde an Christus als zentraler Inhalt des Luther´schen Denkens erinnerns- und glaubenswert. „Wir blieben unseren Konfirmanden und Schülern etwas Wertvolles schuldig, wenn wir sie nicht auf Luther hinweisen würden“, bilanzierte der Referent und appellierte an die Eltern, Großeltern, Lehrer und Pfarrer, den Kindern und Jugendlichen die Ausstellung nahe zu bringen. „Die Ausstellungsstücke locken neugierige Fragen hervor“, sagte Braun. Für die Antworten aber gelte es zeitgemäße Antworten zu finden, da die nachwachsende Generation kaum Bezug zur Lutherbibel, Luthers Liedern oder seiner Theologie habe.

„Spuren des lebendigen Gottes in der Welt“. Dekan Andreas Friedrich richtete den Blick über die Ausstellungsstücke hinaus auf Luthers Bedeutung für den Glauben und darüber hinaus. (Foto: Kordesch/eöa)

Gewissen, Freiheit und Bildung seien Spuren Luthers, die nicht nur in der Historie oder geografisch im Hinterland nachweisbar seien, wie Dekan Andreas Friedrich deutlich machte. Luther habe in übertragenem Sinne auch Spuren des Glaubens hinterlassen: „Die Spuren des Gottvertrauens, des Handelns, der Weltverantwortung seien Spuren des lebendigen Gottes in der Welt und über den Bereich von Kirche und Christsein hinaus“, wie Andreas Friedrich bewusst machte. Landrätin Fründt freute sich, dass die Ausstellung in der besonderen Atmosphäre des Schlosses Luther und das Reformationsjubiläum auch abseits der Universitätsstadt Marburg im Landkreis erlebbar mache. Wie groß das Interesse daran sei, zeige sich an der hohen Zahl der Leihgaben aus Privatbesitz; sozusagen „aus der alltäglichen Welt der Menschen“.

Landrätin Kerstin Fründt eröffnete mit Dekan Andreas Friedrich die Sonderausstellung „Luthers Spuren im Hinterland“, die bis zum 3. Oktober im Hinterlandmuseum Schloss Biedenkopf zu sehen sein wird. (Foto: Kordesch/eöa)

Die Ausstellung im Hinterlandmuseum Schloss Biedenkopf ist bis zum 3. Oktober täglich außer montags zwischen 10 und 18 Uhr geöffnet. Im Ausstellungskatalog, den Rüdiger Weyer, Gerald Bamberger und Dr. Reiner Braun erstellt haben, findet sich neben einer Einführung des Museumsleiters und dem Festvortrag von Pfarrer Braun auch ein Aufsatz von Rüdiger Weyer über Johannes Bonemilch (1434-1510), der als Weihbischof in Erfurt Luther zum Priester weihte und zuvor bis 1470 zehn Jahre lang Pfarrer in Eckelshausen war. Der Katalog ist für drei Euro im Schloss erhältlich. Der Eintritt ins Museum kostet für Erwachsene 2,50 Euro, für Kinder bis 14 Jahre 1,30 Euro. Gruppen werden pro Person jeweils mit zwei Euro berechnet, Schulgruppen mit einem Euro. (klk/eöa)

Mehrere wertvolle, rund 300 Jahre alte Lutherbibeln sind Bestandteil der Ausstellung „Luthers Spuren im Hinterland“, die bis zum 3. Oktober im Hinterlandmuseum Schloss Biedenkopf zu sehen sein wird. (Foto: Kordesch/eöa)