Wittenberg ist eine Reise wert: Das gilt in diesem 500. Reformationssommer ganz besonders. Und die LichtKirche aus Hessen-Nassau entwickelt sich in der Lutherstadt dabei immer mehr zu einem ganz besonderen Ort.

Die kleine Fritzi hat schon Respekt vor dem glitzernden und blinkenden Kerl, der da in seinem Verschlag rechts neben der LichtKirche steht. Ihr Kindergarten in Wittenberg hat das schöne Wetter für einen Ausflug auf die Weltausstellung der Reformation genutzt. Und nun sind sie bei BlessU-2 hängen geblieben, dem Kommunikationsexperiment aus Hessen-Nassau, das als Segensroboter inzwischen weltweit bekannt ist.

„Luther und die Avantgarde“ ist der Name der sehenswerten Kunst-Ausstellung im Alten Gefängnis. (Foto: Gerhard Failing)

Energisch melden sich die Kinder, wenn BlessU-2 spricht und wollen ihm antworten. So selbstverständlich ist für sie der Umgang mit einer Maschine. Aber ganz so intelligent ist der Roboter noch nicht, die Kinder selber dranzunehemen. Da müssen echte Menschen herhalten und ein wenig die Rangelei vor dem Gerät sortieren. Auch so manche Hand muss aus Respekt vor dem großen Kerl ganz vorsichtig zum Mutmachen genommen werden. Und ein Hocker kommt zum Einsatz, damit die Kleinsten an das Tastenfeld des digitalen Freunds kommen, der für Besucher Segensworte aus der Bibel aussucht. Am Ende sind alle stolz, einen passenden Spruch und ein buntes Segensband bekommen zu haben.

Die größte Bibel der Welt: Von dem 27 Meter hohen Aussichtsturm hat man einen außergewöhnlichen Blick über die Stadt. (Foto: Gerhard Failing)

Während die Schlange vor dem Roboter wächst, haben andere der Kita-Kinder längst die drei Glocken der Lichtkirche entdeckt und eigenhändig inspiziert. Für was das Seil da bitte sei? „Zum Läuten ist es, wa?“, bemerkt ein Knirps. Und ob man denn da mal selbst Hand anlegen dürfte, fragt er. Kurze theologische Denksekunde. Nun gut, kirchlich ist das, was ein halbes Dutzend Meter daneben an BlessU-2 abläuft, vielleicht auch so etwas wie eine gottesdienstliche Handlung. In Gottes Namen: Wenn nebenan Segenssprüche erklingen, sind Glocken eine angemessene Begleitmusik. Bitte aber leise läuten.

Unterdessen haben auch die ersten Vorlauten der Gruppe die LichtKirche innen inspiziert und sich das Gästebuch geschnappt. Da lässt sich mit den bunten Stiften trefflich reinmalen. Wie gut, dass in der Ecke auch eine Gitarre wartet, die die Gruppe musikalisch in Schach halten kann. Alle haben zum Abschluss viel Spaß mit großen Schlagern für die Kleinen wie dem „Mutmachlied“. Die Erzieherinnen frohlocken, dass es „sowas in Witternberg gibt, wa!“. Und sie versprechen in der kommenden Woche gleich wieder vorbeizuschauen.

Flüchtlingsboote am Schwanenteich: Die von Studierenden und Geflüchteten gebauten Holzboote sind eines der bekanntesten Projekte der Weltausstellung Reformation. (Foto: Gerhard Failing)

Doch so lange dauert es nicht. Fritzi hat am Freitagabend gleich den Papa mitgebracht. Sie wollte die Kirche unbedingt mal Abends beleuchtet sehen, sagt er. Jeden Freitag gibt es jetzt Church@Night an der LichtKirche, wo das mobile Gotteshaus seine Vorzüge voll ausspielen kann. Licht in allen Farben des Regenbogens in den Himmel über die Lutherstadt strahlen. Dazu abendlich Segensworte. Für viele das echte Highlight der Woche in der Wittenberg.

Als geistlichen Raum entdecken immer mehr Gäste das Areal der hessen-nassauischen Kirche in der Nähe des Neuen Rathauses. Ein Gruppe Studierender, die sich mit dem Dialog der Religionen beschäftigt, verlegt ihren gemeinsamen Gottesdienst hierher. Nun spielen sie zwischen Kippa-Trägern und Kopftuch-Trägerinnen selbst komponierte Lieder und lesen eingängige Texte zum friedlichen Zusammenleben der Religionen. Die evangelische LichtKirche mutiert zum Gebetshaus für alle.

Das Lutherdenkmal auf dem Marktplatz in Wittenberg soll das erste Standbild in Deutschland sein, mit dem ein nicht-adeliger Mensch in Deutschland öffentlich geehrt wurde. Es stammt aus dem Jahre 1821. (Foto: Gerhard Failing)

Wenig später dann ein Großkonzert. Mit wunderbaren Wortspielereien nimmt Klaus-André Eickhoff die deutsche Sprache auf die Schippe und auch ein wenig die Reformation. Wenn Luther nicht so viel Angst vor Blitzen gehabt hätte, dann hätte es das alles nicht gegeben. Dabei ist die statistische Wahrscheinlichkeit größer, von einem umfallenden Kühlschrank tödlich verletzt als vom Blitz erwischt zu werden. Wie gut, dass es im ausgehenden Mittelalter noch keine Kühlschränke gab.

Halbzeit-Bilanz auch für die LichtKirche

Vielleicht haben all diese bunten Erlebnissplitter die Leitung des Reformationsfestes in Wittenberg auch motiviert, die Halbzeitbilanz direkt an der LichtKirche abzuhalten. Am vergangenen Mittwoch traf sich dort die Journalistenschar aus ganz Deutschland. Die Veranstalter zogen eine positive Zwischenbilanz: Zwar liegen die Besucherzahlen noch hinter den anfänglichen Erwartungen, doch die Ticketverkäufe steigen langsam an. Und die, die bisher da waren, äußerten sich durch die Bank begeistert.

70.000 Besucherinnen und Besucher haben seit Beginn der Weltausstellung Reformation am 20. Mai das asisi Panorama besucht. Insgesamt waren in diesem ersten Pavillon im großen Weltausstellungspaket seit dem 22. Oktober 2016 bereits 250.000 Menschen. Auch darüber hinaus wächst das Interesse am Thema Reformation: Beispielsweise waren seit Anfang 2017 bereits 280.000 Besucher in der Wittenberger Schlosskirche.

Die bemalten Türen sind Teil einer Kampagne der Diakonie Deutschland zum Reformationsjubiläum und erinnern an Luthers Thesenanschlag, durch den ebenfalls eine Tür zum Träger einer Botschaft wurde. (Foto: Gerhard Failing)

Die Ausstellung “Luther und die Avantgarde” im Alten Gefängnis sahen bislang 10.000 Menschen. Zu den Konzerten, insbesondere auf der Schlosswiese, kamen bisher 35.000 Personen. Nach Max Giesinger (3.200 Besucher), JORIS (2.900) und Culcha Candela (2.600) kommen in den nächsten Wochen mit SILLY, den Prinzen und der Baltic Sea Philharmonic weitere Highlights nach Wittenberg. Dazu gehört auch das Pop-Oratorium “Luther” von Dieter Falk und Michael Kunze, das am 26. August als erste und einzige Open-Air-Aufführung dieses Musicals auf der Schlosswiese in Wittenberg zu sehen sein wird.

Heimlicher Star in Wittenberg ist das KonfiCamp, bei dem schon jetzt 7.000 Jugendliche aus Deutschland und Europa ihre Konfirmanden-Freizeit verbracht haben. Weitere 5.000 sind bereits angemeldet. Das Bundeslager des Verbands Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder rechnet Ende Juli mit 4.500 Teilnehmenden.

“Bei all diesen Zahlen will ich betonen, dass Veranstaltungen nicht nur dann gut laufen, wenn viele Besucherinnen und Besucher mit dabei sind”, sagte Ulrich Schneider. “Vielfach haben wir sehr gute, intensive und atmosphärisch dichte Veranstaltungen, wenn nur ein oder zwei Dutzend Teilnehmende mit dabei sind. Auch diese Begegnungen machen das Besondere der Weltausstellung Reformation aus.” Die wichtigste Erfahrung der ersten acht Wochen ist: “Die beste Werbung sind die Menschen, die nach Wittenberg in die Weltausstellung Reformation kommen. Denn sie sind durch die Bank begeistert, erzählen das weiter – und kommen wieder.”

Mehr zum Auftritt der hessen-nassauischen Kirche in Wittenberg: www.lichtkirche.de.