Breidenbach-Oberdieten. Pfarrerin Petra Dobrzinski verlässt „ihre“ Kirchengemeinde Oberdieten, Niederdieten und Achenbach. Vier Jahre lang hat sie im Hinterland gewirkt. Es ist ihre erste Pfarrstelle gewesen, von der sie nun am Sonntag (7. Juli) um 14 Uhr im Rahmen eines Gottesdienstes verabschiedet wird.

Zum 1. Juli hat die Seelsorgerin innerhalb der Landeskirche zu den evangelischen Kirchengemeinden Aarbergen-Michelbach und Holzhausen über Aar gewechselt: Kleine Gemeinden, denn „in eine Großstadt wie Wiesbaden wollte ich nicht.“ Die Landeshauptstadt ist ihre Heimat. Und das ist auch der Grund, dass sie das Pfarrhaus in Oberdieten verlässt. „Dort lebt mein 90-jähriger verwitweter Vater alleine“, sagt sie. Jeden Samstag besucht sie ihn, kümmert sich um Haus und Garten. Doch um noch mehr für ihn da zu sein, wollte
sie in seine Nähe ziehen.

Dass sie eine Pfarrstelle suche, habe deshalb lange festgestanden: Nach drei Jahren war der Probedienst beendet, Petra Dobrzinski wurde verbeamtet und konnte sich bewerben. Dass sie das vorhat, teilte sie ihrer Gemeinde schon im vergangenen Herbst mit, obwohl sie noch gar keine konkrete Stelle in Aussicht hatte. „Das fand ich fair“, sagt die 53-Jährige. „Ich habe einen guten Grund, ich gehe
nicht im Bösen. Für mich steht die Familie über dem Beruf.“ „Totenstille“ habe in der Gemeindeversammlung geherrscht. Und in den Reaktionen sei ihr Bedauern, aber auch Verständnis entgegengebracht worden. Im Januar war die Stelle dann im Amtsblatt
der Landeskirche ausgeschrieben. Petra Dobrzinski bewarb sich und bekam im April die Zusage.

Viele Begegnungen im Hinterland liegen hinter ihr. Doch weil sie schon länger wusste, dass sie nicht ewig bleibt, habe sie sich nicht richtig „eingewurzelt“: „Auch, um mir den Abschied nicht so schwer zu machen.“ Dennoch, „die ein oder andere Verbindung wird halten“, ist sie überzeugt.

Die 53-Jährige ist Späteinsteigerin, was den Pfarrberuf betrifft. Nach dem Abitur studierte sie evangelische Theologie in Mainz, Neuendettelsau, Basel und Heidelberg. Dabei wurde ihr Interesse für Religionspädagogik geweckt. Die Uni verließ sie schließlich ohne
theologisches Examen. Nach einem Vorpraktikum in einem Kindergarten studierte sie evangelische Religionspädagogik. Von 1999 bis 2013 arbeitete sie als Gemeindepädagogin, zunächst in Weiterstadt, dann in Idstein. Der berufsbegleitende Masterstudiengang Evangelische Theologie an der Marburger Philipps-Universität weckte im Jahr 2010 schließlich das Interesse, zurück zur Theologie
zu kehren. 2013 schloss sie das Studium mit dem ersten Examen ab. Dem Vikariat in Diez schloss sich die erste Pfarrstelle in Oberdieten an: Am 1. Oktober 2015 begann ihr Dienst.

Pfarrerin Petra Dobrzinski verlässt nach knapp vier Jahren die Kirchengemeinde Oberdieten. Am 7. Juli wird sie verabschiedet. (Foto: Mark Adel)

„Vom Hinterland hatte ich zuvor nie gehört. Ich dachte erst, das ist ein Schimpfwort.“ Doch schnell lernte sie ihre Dörfer und die Region kennen. „Nach einem Jahr habe ich dann auch die Dialekte so einigermaßen verstanden.“ Die Entscheidung, Pfarrerin zu werden, habe sie nie bereut. Vieles aus der Gemeindearbeit kannte sie schon. Die Gottesdienste und das persönliche Gespräch zählt sie zu den Stärken – und die Lebenserfahrung. „Ich hätte von manchen Vikaren die Mutter sein können“, erinnert sie sich an diese Zeit und lacht.
Ein bisschen Wehmut klingt mit, wenn sie über den Wechsel spricht. „Ich werde die Menschen vermissen.“ Und speziell in Oberdieten auch die kleinen Geschäfte, den Bäcker, den Metzger. „Das sind Begegnungspunkte und Kommunikationszentralen. Es ist wichtig, so etwas zu haben.“ Etabliert hat sie zum Beispiel den Gottesdienst „30 Minuten mit Gott“ in Oberdieten: Am jeweils letzten Snntag im
Monat fällt die Predigt etwas kürzer aus, der Gottesdienst beginnt erst um 11 Uhr. „Das kommt gut an“, sagt die Pfarrerin. Generell seien die Gottesdienste gut besucht.

Die Zusammenarbeit mit den Vereinen, zum Beispiel der Feuerwehr, war ihr wichtig, und auch die Teilnahme an Ortsbeiratssitzungen. „Im Dorf gehts immer um das Miteinander“, sagt sie. „Und die Kirche ist ein Teil vom Dorf.“ Deshalb freut sie sich auch über das ehrenamtliche Engagement in der Kirchengemeinde. „Was hier geleistet wird, ist unglaublich.“ Der Vorsitzende des Oberdietener Kirchenvorstands Heinz Dilling beispielsweise fülle das Amt voll aus: „Das ist ein großer Vorteil für mich als Pfarrerin.“ Einen Schwerpunkt sah sie in der Arbeit mit den Kindern. Die evangelische Kindertagesstätte in Oberdieten hat sie regelmäßig besucht, kannte dadurch viele Kinder und Eltern – und die wiederum kannten die Pfarrerin. „Es ist für mich die erste Kindertagesstätte, die
für mich ein wirklich erkennbares christliches Profil hat“, erklärt Petra Dobrzinski.

Der Abschiedsgottesdienst findet am Sonntag, 7. Juli, um 14 Uhr in der Oberdietener Kirche statt. Anschließend ist bei einem Empfang im benachbarten Dorfgemeinschaftshaus Gelegenheit, sich persönlich von Pfarrerin Dobrzinski zu verabschieden.

Das Evangelische Dekanat Biedenkopf-Gladenbach hat die Pfarrstelle ausgeschrieben. Die Bewerber stellen sich im Kirchenvorstand
vor. Wer als geeignet und zur Gemeinde passend erscheint, wird dann zu einem Probegottesdienst in die Gemeinde eingeladen. Nach diesen entscheidet der Kirchenvorstand, welche Kandidatin oder welcher Kandidat den Zuschlag bekommt. Der sogenannte Verwaltungsdienstauftrag ist auf drei Jahre befristet. Dann wird die Stelle in der Kirchengemeinde Oberdieten auf 50 Prozent reduziert. Ermöglicht wird das durch eine Kooperation mit den Nachbargemeinden im „Nachbarschaftsraum Breidenbacher
Grund“ – einen von acht Nachbarschaftsräumen im Dekanat.

Die Oberdietener Pfarrstelle soll 2022 neu zugeschnitten werden. Grund ist die geringe Zahl von nur 867 Gemeindegliedern
in den drei Dörfern. Schon vorher ist geplant, die Zahl der sonntäglichen Gottesdienste von drei auf zwei zu reduzieren.

Der vorstehende Bericht ist im “Hinterländer Anzeiger” vom 4. Juni 2019 (seite 17) erschienen. Leicht aktualisert veröffentlichen wir ihn hier an dieser Stelle mit freundlicher Genehmigung des Autors Mark Adel, bei dem wir uns herzlich bedanken!