„Ein paar Minuten Zuversicht“ am 31. März 2020 von Pfarrer Thomas Schmidt (Evangelische Kirchengemeinde Gladenbach-Mornshausen)

 

Hier finden Sie die heutige Andacht im Wortlaut und zum Download

(die der vergangenen Tage sind unter der Predigt zu finden):

31.03 Thomas Schmidt.-Andacht

Andacht zu „Ein paar Minuten Zuversicht“ am 31.03.2020

Vor ein paar Jahren war ich mit einem guten Freund an der Anfield Road. Diejenigen, die sich ein bisschen mit Fußball auskennen, wissen: Die Anfield Road ist die Heimstätte des FC Liverpool. Wenn die Spieler den Rasen betreten, singt das ganze Stadion das mittlerweile zur Fußball-Hymne schlechthin gewordene Lied „You’ll never walk alone“. Wer das einmal live miterlebt hat, der weiß: Das ist Gänsehaut pur, wenn 54.000 Zuschauer dieses Lied anstimmen. Mittlerweile wird das Lied auch in anderen Stadien gesungen – aber, sorry, liebe BvB-Fans, an das Original kommt selbst Ihr nicht dran. Seit letzter Woche wird es jeden Tag um viertel vor Acht auf Hit Radio FFH als Mutmachsong gespielt. „Hessen hält zusammen“.

Ähnlich Gänsehaut wie damals an der Anfield Road hatte ich, als ich das erste Mal die Bilder vom „Balkon-Singen“ aus Italien sah. Das hat mich schwer beeindruckt, was die Italiener da taten: Sie, die es besonders hart getroffen hatte, sangen miteinander. Ein paar Minuten Zuversicht. Damit haben uns die Italiener gewissermaßen eine Steilvorlage für unsere Aktion im Dekanat Biedenkopf-Gladenbach „Ein paar Minuten Zuversicht“ geliefert.

Mittlerweile gibt es ja verschiedene Formate dessen, was die Italiener uns vorgemacht haben, auch bei uns. Ich erinnere nur an die Aktion der Evangelischen Kirche in Deutschland, die dazu einlädt, jeden Abend um 19 Uhr „Der Mond ist aufgegangen“ zu singen. Oder an das „Balkon-Klatschen“ für die Helden und Heldinnen des Alltags, für das Pflegepersonal und die Ärzte und Ärztinnen in den Kliniken. Es gibt so viele, die solchen Applaus verdient haben – stellvertretend für alle seien hier nur die Verkäuferinnen und Verkäufer in den Geschäften und die LKW-Fahrer genannt, die den Laden am Laufen halten. Ich wünsche mir, dass diese Wertschätzung anhält – auch dann, wenn diese Krise hoffentlich irgendwann wieder vorüber ist.

Aber noch sind wir mitten drin oder vielleicht auch gerade mal am Anfang dieser Corona-Krise. Keiner weiß, wie lange sie sich noch hinziehen wird und was da noch auf uns zukommt. Die Einschränkungen jedenfalls, unter denen wir zur Zeit leben, sind massiv. Sie machen uns ganz schön zu schaffen. So vieles, was uns immer selbstverständlich war, ist es jetzt nicht mehr. Manches, was uns sonst im Alltag getragen hat, steht auf einmal in Frage.

Als wir am 15. März hier in Mornshausen zusammen Gottesdienst gefeiert haben, hatte ich die Befürchtung geäußert, dass dieser Gottesdienst wohl für längere Zeit der letzte gewesen sei. Leider hat sich das bewahrheitet. Bei der Verabschiedung an der Kirchentür – natürlich auf Abstand und ohne Handschlag – sagte eine Frau mit Tränen in den Augen: „Wie schlimm … wenn selbst die Kirche schon dicht macht!“ Für mich hörte sich das an wie eine Kapitulationserklärung: „Wie schlimm muss die Situation sein, wenn selbst die Kirche schon ihre Pforten schließt und die Segel streicht.“

Tut sie ja nicht, aber gefühlt hatte diese Frau das so empfunden. Wir feiern aus gutem Grund in dieser Zeit keine öffentlichen Gottesdienste, denn auch wir als Kirche wollen dazu beitragen, die Ausbreitung des Virus zumindest zu verlangsamen. Das ist ein Akt der Nächstenliebe, um die zu schützen, die besonders bedroht sind – und wer das wirklich ist, weiß keiner so genau, denn auch Jüngere kann es hart treffen.

Trotzdem läuten auch in dieser Zeit die Kirchenglocken. Und dieses Läuten ist mehr als „nur“ das verzweifelte Signal: „Hey, uns gibt’s auch noch!“ Das Läuten der Glocken ist eine Einladung zum Gebet, durch das wir Gemeinschaft haben – wenn auch nicht von Angesicht zu Angesicht, so doch im Geiste miteinander verbunden.

Zurück zum Anfang: Als ich letztens draußen alleine unterwegs war, um mal frische Luft zu schnappen, dachte ich nach über dieses Lied „You’ll never walk alone“ – „Niemals wirst du alleine unterwegs sein“. War ich aber, wie so oft in der letzten Zeit. Und ich fühlte mich auf einmal ziemlich einsam und kam ins Grübeln. Dann hörte ich die Kirchenglocke läuten. Instinktiv schaute ich auf die Uhr und dachte: „Klar, 6 Uhr“. Doch dann wurde mir bewusst, dass diese Glocke ja mehr aussagt als nur die Uhrzeit. Sie hat ihre ganz eigene Botschaft. Sie ruft zum Gebet. Sie erinnert uns an den, der der Grund unseres Glaubens ist: Jesus Christus! Und der hat mal gesagt: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Mit anderen Worten: „You’ll never walk alone“ – „Niemals wirst du alleine unterwegs sein; auch nicht in dieser so beängstigenden Corona-Krise. Ich bin da. Ich bin für dich da.“

Was der Klang einer Kirchenglocke doch in einem auslösen kann, wenn man ihn mal ganz bewusst wahrnimmt und auf ihn hört! Vielleicht denken Sie ja mal dran, wenn Sie wieder einmal eine Glocke läuten hören, wo auch immer sie sind. Sie hat eine Botschaft. Sie ruft uns auf zu ein paar Minuten Zuversicht. Nutzen Sie diese Gelegenheit und tanken Sie Zuversicht, gerade auch jetzt, wo wir uns nicht öffentlich versammeln können und unsere Kontakte auf ein Minimum beschränken müssen. Einer bleibt in Kontakt zu uns. Und er sagt uns: „You’ll never walk alone“ – „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“

Auf eins freue ich mich jetzt schon: Wenn am Ostermorgen die Glocken läuten und uns zurufen: „Der Herr ist auferstanden – das Leben siegt!“ Das ist die große Zuversicht, die wir als Christen haben. Das muss einfach gefeiert werden, auch und ganz besonders in diesem Jahr.

Ich wünsche Ihnen alles Gute und Gottes Segen. Seien und bleiben Sie behütet! Und denken Sie dran: „You’ll never walk alone!“

 

Hier finden Sie die bisherigen “Mutmacher” zum Nachlesen.
Die Videos dazu sind natürlich auf YouTube auch noch verfügbar.

 

29.03. Klaus Neumeister – Andacht

28.03. Wolfgang Grieb-Andacht

27.03. Christian Reifert-Andacht

25.03. Natascha Reuter-Andacht

24.03. Deborah Kehr-Andacht

23.03. Matthias Ulrich Andacht

21.03. Florian Burk Andacht

20.03. Reiner Braun-Andacht

19.03. Klaus Grübener-Andacht

18.03.2020 Marion Schmidt-Biber

17.03. Christina-Ronzheimer-Andacht

16.03. Andreas Friedrich-Andacht