Dautphetal-Herzhausen. Ein verwaister Kindergarten ist ein irgendwie unwirklicher Ort. Keine Kinder wuseln beschäftigt umher, alles wirkt sehr aufgeräumt, die Sonne scheint in leere Gruppenräume und es ist gespenstisch still, wo sonst Kinderlachen, Geschrei und fröhliches Toben den Besucher begrüßen. Wie alle anderen Einrichtungen ist auch die Evangelische Kindertagesstätte „Arche Noah“ in Herzhausen derzeit geschlossen.

Ganz verwaist ist die „Arche Noah“ allerdings nicht: Die 2016 mit der Kindertagesstätte in Holzhausen/H. fusionierte Einrichtung bietet von 7.15 bis 15.45 Uhr eine Notbetreuung an für Kinder, deren Eltern eine Funktionsträgerbescheinigung vorgelegt haben. Die gibt es für vom Gesetzgeber definierte Berufsgruppen, die zum Aufrechterhalten des öffentlichen Lebens während der Corona-Krise gebraucht werden. Mit der Bescheinigung bestätigt der Arbeitgeber, dass der oder die Mitarbeiterin zu einer dieser Berufsgruppe zählt, an seiner Arbeitsstelle unverzichtbar ist und nicht für die Kinderbetreuung zuhause bleiben kann. 15 Kinder von den normalerweise rund 130 betreuten Kindern betrifft das, berichtet die Leiterin der „Arche Noah“, Claudia Weber. Tatsächlich sind aber nur sieben bis neun Kinder im Alter von einem bis sechs Jahren da, weil sich oft im familiären Umfeld eine andere Lösung findet. „Die Eltern sind sehr verantwortungsvoll und nutzen die Notbetreuung nur, wenn sie sie wirklich brauchen“, lobt sie.

Aufräumen vorm Mittagsessen: Leonie Pitzer erledigt das mit Mia, Christian und Noah, während Erzieherin Beate Kreuter sich um Frieda kümmert. (Foto: Klaus Kordesch/eöa)

Die Kinder, die kommen, werden nochmal in zwei Gruppen aufgeteilt, die getrennt frühstücken und nach draußen gehen, um die Ansteckungsgefahr zu verringern, sollte jemand infektiös, aber äußerlich noch gesund in die Kita kommen. Und auch die in der Einrichtung verbliebenen fünf Erzieherinnen sind in zwei Teams aufgeteilt – eines ist mit den Kindern meistens draußen unterwegs, das andere ist im Haus eingesetzt, wo zugleich auch gründliches Aufräumen angesagt ist, zum Beispiel im Materialraum.

Endlich Zeit zum gründlichen Aufräumen: Erzieherin Jill Sauer kümmert sich um den Materialraum. (Foto: Klaus Kordesch/eöa)

Jede Menge Bastel- und Spielmaterial findet sich im Obergeschoss auf dem Fußboden verteilt, wo Waldgruppen-Erzieherin Jill Sauer fleißig sortiert. „Das wäre im laufenden Betrieb gar nicht möglich“, erklärt Claudia Weber. Die Arbeit muss allerdings bis Feierabend abgeschlossen sein, denn die Parole lautet: „Alles so hinterlassen, als ob ich morgen nicht wiederkomme“, schildert die Leiterin die Absprache im Team. Und das ist ja in Zeiten, in denen der hochansteckende Erreger immer näher rückt, auch durchaus vorstellbar.

Dementsprechend muss Weber auch von Tag zu Tag planen, obwohl sie vergangene Woche einen Dienstplan für die kommenden vier Wochen aufgestellt hat. Farbige Markierungen helfen ihr, bei derzeit 40 aktiven MitarbeiterInnen für die drei Standorte Herzhausen, Holzhausen und die Krippengruppe die Übersicht zu behalten. „Gestern waren zehn krank, neun bauen Mehrarbeitsstunden ab und haben frei oder Urlaub, sieben sind freigestellt fürs Home-Office, da sie einer Risikogruppe angehören“, rechnet sie vor. Fünf machen die Notbetreuung, zwei Reinigungskräfte und sie als Leiterin arbeiten in Herzhausen. Dass die Notbetreuung hier stattfindet, war angesichts der Nähe zur Natur direkt am Ortsrand schnell entschieden.

Alle Kindertagesstätten sind wegen der Corona-Krise geschlossen. Nur in einigen Einrichtungen findet eine Notfallbetreuung statt. (Foto: Klaus Kordesch/eöa)

Da sie auch einen personellen „Puffer“ braucht, falls jemand ausfällt, sind weitere sechs MitarbeiterInnen entweder im Home-Office oder sitzen in der sonst derzeit ungenutzten Einrichtung in Holzhausen, um beispielsweise an der Konzeption weiterzuarbeiten, Dokumentationen für die Qualitätsentwicklung oder sogenannte Prozessbeschreibungen zu erstellen: Wie läuft der Morgenkreis, das Frühstück oder das Zähneputzen ab? „Das dauert natürlich alles keine vier Wochen“, stellt Claudia Weber fest. „Aber nach dem ersten Corona-Fall sieht dann alles wieder ganz anders aus“, ist sie sicher. Und es gibt auch noch genug Kinderakten aufzuarbeiten und zu ordnen.

Die MitarbeiterInnen im Home-Office bekommen gewöhnlich morgens per E-Mail ihre Aufgaben zugeschickt. „Momentan ist es schön für sie, dass sie die Sachen in Ruhe erledigen und auch mal das angehen können, was sie schon immer mal machen wollten“, erzählt die Kita-Leiterin, als sie ans Telefon gerufen wird: „Eine Mitarbeiterin ist mit ihrem Pensum für heute fertig und hat gefragt, ob es noch was zu tun gebe“, sagt sie, als sie zurückkommt. Ein guter Anlass, um mal ein dickes Lob ans „tolle Team“ auszusprechen. „Alle sind total geduldig und bereit, auch am anderen Ort auszuhelfen“, berichtet sie weiter. Ganz selbstverständlich sind also auch Fachkräfte aus Holzhausen hier in Herzhausen im Einsatz – ebenso, wie auch die Holzhäuser Kinder aus Kita und Krippe jetzt hier die Notbetreuung besuchen: „Sie sind ganz offen auf die anderen Kinder und die fremden Erzieherinnen zugegangen“, freut sie sich.

„Die Kinder genießen das“: Leonie Pitzer nimmt sich Zeit für Frieda, während Noah und Christian zusammen spielen. Die drei Kinder bilden mit ihrer Erzieherin eine von zwei Kleingruppen, die ihren Tag weitgehend voneinander getrennt verbringen, um auch hier ein mögliches Ansteckungsrisiko zu minimieren. (Foto: Klaus Kordesch/eöa)

Nach der ersten Zeit ist mittlerweile nun schon eine gewisse Gewöhnung eingetreten. „Die Schatzsuche ist ausgefallen, weil wir einen Bagger am Schwimmbad entdeckt haben“, berichtet Noah, der eben mit seiner Kleingruppe vom Streifzug durch die angrenzende Natur zurückgekommen und nun rechtschaffen groggy ist. Nach einer kurzen Pause mit seinem Kumpel Christian auf dem Sofa ist er allerdings wieder fit genug, um den Wagen mit dem Geschirr fürs Mittagessen aus der Küche zu holen.

Für die Kinder sind die aus der Not geborenen Umstände ohnehin nahezu ideal: „Sie sind viel entspannter, sie genießen das“, hat Claudia Weber beobachtet. Die einjährige Frieda – eines der Krippenkinder in der Notbetreuung – die in Seelenruhe bei Leonie Pitzer auf dem Schoß sitzend ein Bilderbuch betrachtet, scheint diese Einschätzung aus tiefstem Herzen bestätigen zu wollen. Jetzt sei zum Beispiel auch Zeit, mal mit den Kindern zusammen das Mittagessen vorzubereiten und Obst zu schneiden – sonst im Alltag bei zwei Fachkräften auf 20 Kinder in der Gruppe kaum machbar. „Manchmal könnte man glauben, das sind ganz andere Kinder als sonst“, überlegt sie: „Ich glaube, wenn es nach den Kindern ginge, könnte das so bleiben…“ (klk/eöa)

HINTERGRUND

Die Kindertagesstätte „Arche Noah“ ist eine von 16 Einrichtungen zur Kindertagesbetreuung, die sich in der Trägerschaft des Evangelischen Dekanats Biedenkopf-Gladenbach befinden. Derzeit werden in acht der 16 Kindertagesstätten des Ev. Dekanats Biedenkopf-Gladenbach rund 30 Kinder im Rahmen der Notbetreuung betreut.