Hatzfeld/Eder. Wenn die Leute nicht in den Gottesdienst gehen können, muss der Gottesdienst halt zu den Leuten kommen. Gedacht, getan: Pfarrer Peter Dersch bietet für seine Kirchengemeinden Hatzfeld/Eder und Holzhausen einen „Gottesdienst auf Abruf“ an – oder auch „uf de Gass´“, wie er auf Platt sagt.

Das Prinzip ist einfach: Man kann mit Pfarrer Dersch einen Termin vereinbaren und sich so „die Kirche“ vor seine Haustür, in den Garten oder auf den Bürgersteig holen. „Aber nicht in die Häuser!“, stellt der Seelsorger die Bedingungen zu Zeiten der Kontaktsperre klar. Natürlich dürfen dann aber auch die Nachbarn die Fenster öffnen, wenn Dersch in Ermangelung einer Sakristei den Kofferraum öffnet, seinen Talar überzieht und das Beffchen anlegt. Nun noch die Lautsprecherbox, das Mikrofon und den Notenständer aufgestellt, und schon kann´s losgehen. Das Glockengeläut einschließlich des Vater-Unser-Glöckchens kommt ebenso wie die Klavierbegleitung per Bluetooth vom Handy aus einen zweiten, kleineren Lautsprecher, den Dersch auf seinem hinter ihm stehenden Auto platziert hat.

Die mobile Sakristei: Alles, was Pfarrer Peter Dersch für seinen „Gottesdienst auf Abruf“ braucht, findet im Kofferraum Platz. (Foto: Klaus Kordesch/eöa)

„Das ist ein ganz normaler Gottesdienst, nur ohne Kirche drumrum“, erläutert der Theologe und erzählt, dass es auch ihm richtig gutgetan habe, mal wieder eine Predigt schreiben zu können. „Jesus hat uns beauftragt, das Evangelium unter die Leute zu bringen“, sagt er in seiner Begrüßung. Heute steht er vor einem Bauernhof bei Hatzfeld, in dem drei Generationen unter einem Dach leben. Auch die Nachbarn haben von dem Gottesdienst mitbekommen und sich in den Garten gesetzt, um aus der Entfernung mitzufeiern. Abstandhalten ist kein Problem auf dem großen Gelände. Passend zum Predigttext über den Guten Hirten meldet sich nebenan im Stall eine Kuh zu Wort; die Familie verdient ihr Geld mit der Viehzucht. Das Obere Edertal als die nördlichste Region der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau (EKHN) ist größtenteils ländlich geprägt.

Selbst die Familie sitzt in weitem Abstand zueinander vorm Haus, als Pfarrer Dersch sie zum „Gottesdienst uf de Gass“ begrüßt. (Foto: Klaus Kordesch/eöa)

Eine gute halbe Stunde dauert der Gottesdienst; nur auf das Mitsingen der Lieder hat die kleine Runde lieber verzichten wollen, die sich dann rasch wieder zerstreut. Es war nun schon der vierte Gottesdienst „uf de Gass“, berichtet Peter Dersch, der zu solchen Gelegenheiten immer noch neue Ecken und Winkel in seinen Gemeinden entdeckt – denn er ist erst seit Ende 2018 Pfarrer in Hatzfeld und Holzhausen. Mit zur Gemeinde gehört auch der Weiler Lindenhof, der ob seiner vor einigen Jahren einmal im Hessischen Rundfunk zum zweitschönsten Gotteshaus Hessens gewählten kleinen Kirche eine gewisse Bekanntheit besitzt. Auf dem ersten Platz lag seinerzeit übrigens der Limburger Dom, auf Platz drei – also hinter Lindenhof! – der in Fulda, aber das interessiert hier eigentlich schon niemanden mehr so wirklich.

„Größere Sehnsucht nach Gottes Wort“: Pfarrer Peter Dersch beobachtet in seinen Edertal-Gemeinden ein gewachsenes Bedürfnis für Andacht und Gebet. (Foto: Klaus Kordesch/eöa)

„Die Sehnsucht nach Gottes Wort und den Zusagen aus der Bibel ist erheblich größer, als man das vor Corona erwartet hätte“, schildert Peter Dersch seine Erfahrungen und erzählt von intensivem Austausch über den Gartenzaun, wenn er durch die Dörfer spazieren geht. Doch auch die Seelsorge per Telefon und sogar per WhatsApp hat deutlich zugenommen, sagt er: „Der Glaube ist wegen Corona nicht am Ende, sondern nimmt im Gegenteil einen Aufschwung.“ Als sehr hilfreich in dieser Hinsicht sieht er die sogenannte „Impulspost“ der Landeskirche an, die in der Karwoche an alle evangelischen Haushalte verschickt worden ist und sich unter dem Titel „Gottkontakt“ inhaltlich mit dem Thema Beten auseinandersetzt beziehungsweise dazu ermutigen will.

Selbst die Familie sitzt in weitem Abstand zueinander vorm Haus, als Pfarrer Dersch sie zum „Gottesdienst uf de Gass“ begrüßt. (Foto: Klaus Kordesch/eöa)

Der „Abruf“-Gottesdienst ist nicht das einzige Angebot der Gemeinden, das sich vor allem – aber nicht nur – an Menschen richtet, die vielleicht keine Internet-Gottesdienste am Handy, Tablet oder Computer verfolgen können. Da gibt es beispielsweise die „Klagemauer“: „In allen drei Kirchen stehen kleine “Klagemauern” aus Backsteinen“, erklärt Angelika Schmitt vom Kirchenvorstand die Idee: „Interessierte können ihre Gebete per Mail an klagemauer-hatzfeld@web.de beziehungsweise klagemauer-holzhausen@web.de, postalisch, oder – wer nicht gut zu Fuß ist und kein Internet hat – mittels eines Abholservices beim Pfarramt abgeben. Sie werden sonntags zum Glockenläuten in die Mauer eingebracht. Kinder können Bilder für die Klagemauer malen.“

Feierabend nach dem „Gottesdienst uf de Gass“: In den Gemeinden von Pfarrer Peter Dersch gibt es in diesen merk-würdigen Zeiten als analoge Angebote neben “Klagemauern” in den Kirchen auch die wöchentliche Infoseite “Auf ein Wort”. (Foto: Klaus Kordesch/eöa)

Außerdem wird wöchentlich an alle Haushalte – unabhängig von der Konfession – die Infoseite “Auf ein Wort” verteilt. Rund 170 Blätter in Holzhausen, etwa 600 in Hatzfeld und circa 30 in Lindenhof, zählt Angelika Schmitt auf. Auf dem Blatt finden sich eine Kurzandacht für Hausgottesdienste und Hinweise für die gottesdienstlose Zeit. Zum Beispiel auch den „Gottesdienst uf de Gass“, für den man unter Tel. 06467-320 mit Pfarrer Peter Dersch einen Termin verabreden kann. (klk/eöa)

 

 

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