DEKANAT / Gladenbach-Weidenhausen. Kirchenmusikdirektor Burghardt Zitzmann wird am Sonntag (1. Dezember) im Rahmen eines festlich-musikalischen Gottesdiensts offiziell als Dekanatskantor des Evangelischen Dekanats Biedenkopf-Gladenbach in den Ruhestand verabschiedet. Was kommt jetzt? Und wie schaut er auf seine Vergangenheit zurück? Im Interview steht Burghardt Zitzmann Rede und Antwort…

Burghardt Zitzmanns Verabschiedungs-Gottesdienst am Ersten Advent beginnt um 14 Uhr in der evangelischen Kirche in Weidenhausen und ist natürlich wesentlich musikalisch geprägt. Unter anderem sind Johann Sebastian Bachs Fuge Es-Dur (BWV 552) und Christian Gregors Motette für zwei Chöre und Basso continuo „Hosianna, gelobet sei, der da kommt“ zu hören. 

Wie geht´s jetzt weiter? Wir haben mit dem scheidenden Dekanatskantor gesprochen. Nachfolgend finden Sie die ungekürzte Version des Interviews.

 

? Herr Zitzmann, „Das war die Pflicht, jetzt kommt die Kür“ haben Sie sinngemäß bei einem der letzten Konzerte in Ihrer beruflichen Laufbahn gesagt und angekündigt, musikalisch weiterhin präsent in den Kirchengemeinden des Dekanats sein zu wollen. Wie sieht das praktisch aus?

! Ich glaube, ich war zehn Jahre alt, als ich meine ersten Gottesdienste in den Gottesdiensten der Landeskirchlichen Gemeinschaft in Steinach spielte. Es war sehr einfach, da sich der Versammlungsraum eine Treppe tiefer in meinem Elternhaus befand. Ich bin also mit Gottesdienst groß geworden – und kann ohne Gottesdienst nicht leben. Deshalb werde ich an drei Sonntagen in den Gemeinden Römershausen/Weidenhausen, Holzhausen/Herzhausen und Gönnern/Obereisenhausen das tun, was mich zutiefst erfüllt: Orgel spielen.

In Weidenhausen durfte ich, unterstützt von Pfarrer Henß und der Gemeinde, eine Konzertreihe – jeweils am ersten Sonntag der geradzahligen Monate – aufbauen, die ich gerne fortführe. In den anderen Gemeinden biete ich jeweils einmal im Halbjahr ein Konzert an – also dort insgesamt acht Konzerte im Jahr.

Ob alleine, dann mit Orgelmusik und/oder Improvisationen, oder mit meiner Partnerin Katharina Eich-Meier (Violine, Viola, Blockflöte oder auch Taste) oder mit meinen mit mir musizierenden Tastenfreunden – der Vielfalt sind keine Grenzen gesetzt. 

? Rückblickend gesehen – was würden Sie als die musikalischen Höhepunkte Ihres an Konzerten reichen Berufslebens bezeichnen?

! Zunächst einmal die Konzerte, bei denen Menschen dabei waren, die mir anvertraut waren: meine Chöre und Instrumentalgruppen. Bachs Weihnachtsoratorium von Anbeginn 1978 – jedes Jahr ein neues Highlight in diesen Aufführungen, die dann in Gera zu “Einladungskonzerten” wurden. Der Deal war: Generalprobe und Aufführung. Da kamen dann Menschen von überall her, aus der ganzen DDR, sogar aus Rostock.

Die Konzertreise durch die USA war 1988 – also noch zur DDR-Zeit – eine für unsere damaligen Verhältnisse schier unvorstellbare Besonderheit. Dass ein Kirchenmusiker, ohne jemals “linientreu” gewesen zu sein, also weder Pionierorganisation, keine Jugendweihe, keine FDJ, Verweigerung des bewaffneten Wehrdienstes, mit 34 Jahren in die USA reisen durfte.

1987 hatte Gera 750-Jahr-Feier. Mendelssohn Bartholdys „Elias“ am 5. Juli. 1000-Mann-Kirche mit 1350 Menschen übervoll. Es folgten weitere Aufführungen.

Denkwürdig ist auch das Brahms-Requiem am 5. November 1989. Der Chorsatz “Denn wir haben hie keine bleibende Stadt” hatte angesichts der aktuellen Ereignisse eine völlig andere Bedeutung bekommen. Im Orchester: Blechbläser aus dem Gewandhausorchester Leipzig; und in der Kirche waren grauenvoll wenig Leute. Das gab einen Anpfiff vom Pfarrer vor versammelter Mannschaft. Das Wunder der gelebten Freundschaft: alle Musiker spielten für die Einnahmen und nahmen persönlichen Verlust in Kauf.

Weitere Höhepunkte waren die USA-Konzertreisen mit meinem Chor 1997 und 1997 und persönlich als Organist, als ich 1982 erstmals im Gewandhaus Leipzig sielen konnte – dann noch mehrmals, unter anderem Rosenmontag 1990: Orgelpart “Phantom der Oper” mit der Hamburger Original-Besetzung, zum Beispiel dem Tenor Peter Hofmann.

Hier im Dekanat waren es die Aufführungen des Weihnachtsoratoriums, des Mozart-Requiems und natürlich der „Elias“ in der Hinterlandhalle.

Die Aufführung des „Elias“-Oratoriums stellte einen der Höhepunkte in der Vita von Kirchenmusikdirektor Burghardt Zitzmann dar, der seinerzeit kurzfristig auch den Part eines ausgefallenen Solisten übernahm. (Foto: Klaus Kordesch/eöa)

? Sie sind bekannt für Ihr Improvisationsvermögen und die Fähigkeit, auch schwierige Situationen meistern zu können. 2016 übernahmen Sie beispielsweise kurzfristig auch den Part eines ausgefallenen Solisten bei der Aufführung des „Elias“-Oratoriums von Felix Mendelssohn Bartholdy. Ist Ihnen musikalisch auch mal etwas so richtg danebengegangen? Können Sie heute darüber lachen?

! Es war ja nicht das erste Mal, dass ich einen zusätzlichen Part übernehmen musste: 1991 war der Evangelist des Weihnachtsoratoriums zum Aufführungsbeginn nicht da. Nachdem wir 30 Minuten gewartet hatten, war die Vereinbarung mit dem Orchester, dass ich diesen Part in der Aufführung übernehme, die “Hirtenarie” aber ausfallen müsste. Ich kam um das Eingangsrezitativ nicht herum, aber dann kam er doch noch. Ein anderes Mal sagte der Solist, der die Pilatus-Partie in der Johannespassion von Bach singen sollte, am späten Samstag-Abend vor der Aufführung ab. Ich habe mich gefreut, diese Partie singen zu dürfen… eigene „Rote-Kopf-Erlebnisse“ hatte ich in keinem Konzert – Gott sei Lob und Dank!

? Sie haben sich schon vergleichsweise früh auf die Kirchenmusik festgelegt. Hat Sie eine Karriere als „weltlicher“ Berufsmusiker nicht gereizt

! Eigentlich wollte ich Dolmetscher für Russisch und Englisch werden und hatte mich im Oktober 1971 auch in Leipzig zur Aufnahmeprüfung vorgestellt. Meine Ablehnung wurde unter vorgehaltener Hand mit meiner allgemeinen politischen Einstellung begründet. Bei einem darauf folgenden “Umlenkungsgespräch” (Suche nach einem Studienplatz anhand der Begabungen) bot man mir ein Klavierstudium an der Musikhochschule Dresden an. Bedingung: Ich sollte meine Erklärung, “Bausoldat” (Wehrersatzdienst) machen zu wollen, zurückzuziehen. Auf meine Ablehnung aus Gewissensgründen waren mir die staatlichen Hochschulen und Universitäten der DDR verschlossen.

? Wenn man Sie spielen hört, hat man den Eindruck, als sei Musik die große Leidenschaft in Ihrem Leben, als als sei Ihr Beruf eine Berufung. Gibt es noch andere Hobbys? Was sind Ihre nicht in Zusammenhang mit der Musik stehenden Pläne für den Ruhestand?

! Berufung ist das richtige Wort, denn mir war nach der Ablehnung keineswegs klar, in die Kirchenmusik zu gehen.

In einem Gottesdienst, den mein Steinacher Pfarrer über 1. Petrus 4, 10 hielt, wurde dieser unruhig und auch ich verspürte den Ruf in dieses Amt. Er sagte es mir hinterher. Meine Ängste und Zweifel waren sehr groß. Er war sich aber dieses Weges, den ich gehen sollte, so sicher, dass er mir ein Wort Jesu mit auf den Weg gab: “Habt keine Angst! Der Heilige Geist wird euch (den Jüngern) die rechten Worte zur rechten Zeit in den Mund legen” – und dann segnete er mich. Ich habe es stets gespürt, dass dies in meinem Leben unablässig präsent war – und immer pünktlich bei jeder neuen Herausforderung. Beschenkt!

Ich habe natürlich auch andere Hobbys, die ich früher sogar aktiv ausgeübt habe: Ich spiele Schach (früher besser als heute), ich habe in allen möglichen Mannschaften (in der Schulklasse, in der Schulauswahl in der Lehrerauswahl) im Tor gestanden später in einer Volkssportmannschaft in meinem Heimatort Steinach. In der Zeit habe ich nach dem Fußball noch Geräteturnen gemacht, Tischtennis gespielt und gekegelt – später Bowling. 

Für den Ruhestand habe ich mir vorgenommen, diese Region (behutsam) mit dem Fahrrad zu erkunden.

? Welches Buch liegt eben auf Ihrem Nachtschränkchen, welches auf dem Schreibtisch?

! Ich bin, auch was das Lesen anbelangt, ganz auf Musik fixiert. Ich mag es, in der großen Petrucci-Bibliothek online nach neuen, mir unbekannten Orgelwerken und anderem mehr zu forschen. Das entspannt mich und gibt mir das gute Gefühl, für die Zukunft Futter für’s Musizieren zu haben.

? Was wird im Ruhestand anders sein als vorher; was besser, was schlechter? Wofür wollen Sie sich mehr Zeit nehmen?

! Musik zu machen, ist für mich keine Anstrengung. Deshalb freue ich mich darauf, meine von mir vereinbarten Termine mit Freuden wahrzunehmen. Aber ich werde Sitzungen gewiss nicht vermissen. Ich werde mir viel Zeit für das gemeinsame Musizieren mit meiner Partnerin nehmen – egal wie lang, egal wie spät.

? Welches Konzert haben Sie zuletzt privat besucht?

! Im diesjährigen Urlaub war ich in der Marktkirche in Halle/Saale und habe ein wunderbares Orgelkonzert gehört. Bewegend zudem, weil ich viele Jahre in dieser Kirche als Dozent unterrichtet habe und da ich wieder einmal die alten “Wirkungsstätten” – wie die z.B. ehemalige Aula der Kirchenmusikschule – besuchen konnte. Dort stand sogar noch die Orgel, an der ich 1972 meine Aufnahmeprüfung gespielt habe. Ein spezielles Konzert habe ich nicht im Visier, werde aber nach einer Phase des Sortierens und Sondierens die eine oder andere Möglichkeit wahrnehmen.

? Wie sieht der Konzert-Terminplan für 2020 aus?

! Der steht schon : Orgelkonzert Herzhausen 12.01.2020, 17:00, Orgelkonzert Gönnern 26.01.2020, 17:00, Orgelkonzert Weidenhausen 02.02.2020, 16:30, Orgelkonzert Obereisenhausen 22.03.2020, 17:00, Musik zur Sterbestunde Jesu Weidenhausen 10.04.2020, 15:00, Osternacht Weidenhausen 12.04.2020, 05:00, Orgelkonzert Holzhausen 10.05.2020, 17:00, Gemeinsames Konzert mit Dekanatskantorei Ltg. Dekanatskantor Johann Lieberknecht in Weidenhausen 06.06.oder 07.06. 2020, 16:30, Orgelkonzert Weidenhausen 02.08.2020, 16:30, Orgelkonzert Obereisenhausen 06.09.2020, 17:00, Orgelkonzert Herzhausen 27.09.2020, 17:00, Orgelkonzert Weidenhausen 04.10.2020, 16:30, Orgelkonzert Holzhausen 01.11.2020, 17:00, Orgelkonzert Gönnern 22.11.2020, 17:00, Mitwirkung beim Adventsliedersingen Weidenhausen 05.12.2020, 18:00, Orgelkonzert Weidenhausen 06.12.2020, 16:30 

Besten Dank für das Gespräch und alles Gute für den offenbar doch recht unruhigen Ruhestand! Wir freuen uns auf das Wiederhören!

Das Interview führte Klaus Kordesch (Öffentlichkeitsarbeit des Evangelischen Dekanats Biedenkopf-Gladenbach)

 

Vita

Burghardt Zitzmann wurde im März 1954 im thüringischen Steinach geboren. Seine erste musikalische Vorbildung in den Fächern Klavier, Oboe, Querflöte und Posaune erfolgte ab 1960 an der Musikschule Sonneberg. 1972 bis 1977 studierte er an der Evangelischen Kirchenmusikschule Halle/Saale die Fächer Künstlerisches Orgelspiel, Improvisation, Chor- und Orchesterleitung, Komposition, Gesang, Posaune. Sein Examen legte er im Dezember 1977 ab und arbeitete dann von 1978 bis 2009 als Kirchenmusiker an der St. Johanniskirche Gera. 2010 trat er das Amt des Dekanatskantors im Evangelischen Dekanat Gladenbach an.

Seit 1975 gab Zitzmann Konzerte als Organist und Cembalist in der ehemaligen DDR, in Polen und Tschechien und unternahm im Jahr 1988 – also noch zur DDR-Zeit – eine Konzertreise durch die USA.

Er war mehrmaliger Preisträger bei Improvisationswettbewerben in der ehemaligen DDR. Von 1979 bis 1988 unterrichtete er Künstlerisches Orgelspiel, Improvisation und Posaune an der Evangelischen Kirchenmusikschule Halle/Saale, 1990 erhielt er einen Lehrauftrag für Orchesterdirigieren an der Außenstelle Gera der Hochschule für Musik “Franz Liszt” – Weimar, im September des gleichen Jahres erfolgte die Ernennung zum Kirchenmusikdirektor. (klk/eöa)

Kirchenmusikdirektor Burghardt Zitzmann wird am Sonntag in den Ruhestand verabschiedet – doch er bleibt der Kirchenmusik erhalten. (Foto: Ina Velte/eöa)