Wetzlar-Hermannstein. Die Mitglieder der Evangelischen Kirchengemeinde Hermannstein feiern derzeit sonntags im Gemeindehaus Gottesdienst: Die evangelische Paulskirche nebenan ist derzeit für Gottesdienste und andere Feiern geschlossen.

Die 1491/1942 errichtete Kirche wird für 430.000 Euro saniert, berichtet Pfarrer Wolfgang Grieb. Sichtbares Zeichen dafür sind die Außengerüste, die schon seit Sommer stehen. Wer in das spätgotische Gebäude eintritt, sieht derzeit auch dort überall Gerüste. „Es ist die größte Kirchenrenovierung seit den Sechziger Jahren“, erläutert Grieb.

Die Kirche von Hermannstein ist seit Sommer eingerüstet. (Foto: Lothar Rühl)

Vor drei Jahren hatte das Architekturbüro Seidel + Muskau (Wettenberg) beim ersten Bauabschnitt festgestellt, dass die über 500 Jahre alte Kirche an den Holzteilen massiv geschädigt ist. Deshalb werden der Dachstuhl und die Dachdecke teilweise erneuert, Außenmauern und Fenstergesimse ergänzt und der gesamte Innenraum aufwändig restauriert. Wie Grieb berichtet, waren einige historische Deckenbalken von einem Pilz befallen und nicht mehr zu retten. Auch die Tragelager der Balken mussten neu ausgerichtet werden. Die Hermannsteiner Kirche und das nebenstehende Gebäude waren von Johann Schenck zu Schweinsberg gestiftet worden, der seit 1491 Herr der Burg Hermannstein war. Dessen Nachfahren gaben 1963 das Patronat über das Gotteshaus ab.

Anstelle von Kirchenbänken ist das Kirchenschiff mit Baugerüststangen gefüllt. (Foto: Lothar Rühl)

Im Innenraum der Kirche werden sämtliche Wände und die Decke neu gestaltet. Pfarrer Grieb räumt ein, dass die Gemeindemitglieder sich an die neue Farbgebung gewöhnen werden müssen. Wie die Restauratorin Ina Hablowetz (Braunfels) erzählte, hat sie bei ihrer Arbeit ältere Farbschichten entdeckt, die Erkenntnisse über das frühere Aussehen des Gotteshauses erkennen ließen. Die Renovierung solle diese ursprüngliche Farbgebung weitgehend wiedergeben. So hat die Restauratorin das Deckengewölbe im Chorraum aufgearbeitet und dort Blumenranken aufgefrischt und ergänzt. Dabei habe sie die für die Spätgotik typischen Farben rot, grün und gelb eingesetzt, zeigt sie.

Auch die Fresken an den Seitenwänden hat Hablowetz erneuert. Auffallend ist die neue Gestaltung des Bogens um den Chorraum. Seit den Sechziger Jahren war er rot gestrichen, künftig wird er in grau gehalten sein.

von links: Pfarrer Wolfgang Grieb, Restauratorin Ina Hablowetz und Kirchenexperte Friedrich Weimer vor dem restaurierten Altarkreuz. (Foto: Lothar Rühl)

Zudem hat die Restauratorin zehn Weihekreuze farblich hervorgeholt. Normalerweise gibt es zwölf dieser Weihekreuze in Kirchen, weiß Hablowetz zu berichten. Bei Umbauten in der Kirche seien aber zwei verloren gegangen. Schließlich hat sie auch das Holzkreuz über dem Altar restauriert.
Der Hausmeister und Kirchenexperte Friedrich Weimer kann sich noch gut erinnern an die Restaurierung 1963, die sein Vater, Malermeister wie er selbst, vorgenommen hat. Damals gab es noch keinen Denkmalschutz wie heute, die rote Farbgebung sei damals üblich gewesen, berichtet er. Er weist darauf hin, dass die Decke des Kirchenschiffes voller Löcher war. Deshalb wurde sie repariert und neu gestrichen. Eine Öffnung in der Empore weise darauf hin, dass die Kirchen und das heute als Pfarrhaus genutzte 1494 erbaute Haus mit einem Brückenzugang verbunden waren. Es diente im 15. und 16. Jahrhundert als Klause (Rückzugsort). 1772 wurde der Brückenzugang entfernt.

Die Zimmerleute haben ihre Arbeiten bereits abgeschlossen, aktuell sind die Maler in der Kirche aktiv. Weil die Kirche umfassend aufgearbeitet wird, sollen auch die Elektrik, die Beleuchtung und die Beschallung in den nächsten Monaten erneuert werden, kündigt Pfarrer Grieb an. Wegen der Arbeiten wurde die 1837 eingebaute Orgel eingehaust. Die Kirchenbänke im Kirchenschiff und auf den drei Emporen sind in einer Scheune im nahen Hofgut zwischengelagert und werden ebenfalls aufgearbeitet. Im Chorraum hinter dem Altar werden die Stühle durch eine an die umlaufenden Heizkörper angepasste Sitzbank ersetzt. Die Sitzbänke verhindern, dass die warme Luft aus den Heizkörpern sich gleich wieder an der kalten Wand absetzt und sie verschmutzt. Die geweißten Wände werden künftig viel länger ihre Strahlkraft erhalten. Grieb freut sich darüber, dass die installierte Beschallungsanlage bald besser für Gottesdienste, Chorgesang und Theater geeignet ist. Zudem wird es eine Erweiterung durch eine mobile Beschallungsanlage geben.

„Für den Kirchenraum wurde sehr kontrovers diskutiert, ob man sich nicht von einigen Bankreihen trennt, um Raum für ersehnte bequeme Bestuhlung zu gewinnen und zugleich Platz für Chorauftritte und Krippenspiele“, erzählt Grieb. Doch die Kirchenverwaltung in Darmstadt und der Denkmalschutz erlauben nur das Entfernen einer einzigen Bankreihe. Zudem wurde der verschmutzte Steinboden gereinigt und geschliffen, der während der Bauarbeiten mit einer Schutzfolie überzogen ist.

Von den Gesamtkosten der Maßnahme werden 65 Prozent aus dem Bauhaushalt der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) finanziert. Die Gemeinde muss also rund 150.000 Euro selbst aufbringen aus eigenen Rücklagen und Kollekten.

„Wenn alles nach Plan läuft, wird die Sanierung im Laufe des Januar beendet und wir können wieder umziehen und einziehen in eine neu erstrahlende, technisch hochgerüstete Paulskirche“. Dies solle dann mit einer Einweihung gebührend gefeiert werden. (lr)

Danke an Lothar Rühl für das Zur-Verfügung-Stellen des Textes samt Fotos!

Die Kirche von Hermannstein ist seit Sommer eingerüstet. (Foto: Lothar Rühl)