Herborn (hjb). Ein Virus verändert die Welt, es schränkt die sozialen Kontakte ein – und das sorgt, je länger diese Kontaktsperre gilt, – auch unweigerlich für Konflikte in den Familien. Jörg Moxter, Leiter der Evangelischen Beratungsstelle Herborn, empfiehlt Familien und Paaren, die Corona-Zeit für sich gut zu nutzen – und eine entsprechende Haltung zu entwickeln.

Der Schlüssel für ein gutes Miteinander liege darin, sich und dem anderen Freiräume zu bewahren, sagt Pfarrer Jörg Moxter im Gespräch. Die Evangelische Beratungsstelle in Herborn berät Kinder, Jugendliche, Eltern und Paare in der Quarantäne-Zeit telefonisch unter 02772 / 58 34 – 300.

Natürlich biete die Corona-Kontaktsperre für Familien auch viel Positives: Füreinander Zeit haben, mal wieder gemeinsam etwas spielen, kochen oder zusammen einen Film ansehen. Je länger die Corona-Auszeit andauert, desto eher werden aber Spannungen in den Familien nicht ausbleiben, befürchtet der Leiter der Evangelischen Beratungsstelle. “Einerseits ist da die Trauer, sich jetzt nicht mit Freunden oder Verwandten treffen zu können, und andererseits ist es ja auch deshalb eine schwierige Situation, weil wir uns für eine unbestimmte Zeit beschränken müssen. Keiner weiß, wie lange. Das tut gerade an den Osterfeiertagen richtig weh.”

Für das Miteinander in den Familien gebe es keine vorgefertigten Rezepte: „Jede Familie ist anders“, sagt Jörg Moxter, und das mache das „Tipp-Geben“ schwierig. Seit 2002 arbeitet der evangelische Pfarrer Jörg Moxter in der Beratungsstelle, deren Leiter er seit 2013 ist.

Einander Raum lassen gibt Luft zum Durchatmen

„Wenn ich eine Empfehlung geben soll, dann ist es die, den Tag zu strukturieren“, sagt Jörg Moxter, „und für geregelte Abläufe in der Familie zu sorgen: Also zu einem bestimmten Zeitpunkt gemeinsam morgens zu frühstücken, auch wenn es eine Stunde später als sonst üblich ist, und den Tag in weitere Zeitfenster einzuteilen. Gemeinsam kann geklärt werden, von wann bis wann Hausaufgaben für die Schule gemacht werden, wann Pause ist, wann Fernsehzeit und wann Spielzeit ist.” Das könne helfen, nicht alles jeden Tag neu diskutieren zu müssen und am Abend zu wissen, “was wir geschafft haben”.

Zwischen den Familienmitgliedern sollten auch Zeiten verabredet werden, in denen jeder alleine und ungestört ist: “In der Enge der Familienlage geht es darum, gute Grenzen zu haben und die des anderen zu respektieren”, sagt Jörg Moxter, “Respekt hat mit Rücksicht zu tun, also auch damit, den Anderen wohl-wollend zu sehen”. Und: Manchmal ist Distanz auch für den Familienfrieden nötig, um die Situation besser zu ertragen und diese unbestimmte Zeit gut durchzustehen”, sagt Jörg Moxter, „einander Räume zu lassen, das gibt Luft zum Durchatmen.“

In Gesprächen auf die Tonart achten

Eine zweite Empfehlung hat der Leiter der Beratungsstelle: „Vorwürfe und Vorhaltungen aus vergangenen Zeiten sind jetzt nicht hilfreich, zumal der Rückzugsraum in der Enge der Wohnung fehlt oder durch die Kontaktsperre wirkliche ‚Fluchtmöglichkeiten‘ nicht gegeben sind. Das Aggressionspotential muss nicht, aber kann sich leider erhöhen“, sagt der psychologische Leiter der Beratungsstelle.

In diesen Zeiten sei es suboptimal, einen „Gerichtssaal“ in der Enge des häuslichen Kontextes zu installieren. Er empfiehlt, in den Gesprächen auf die „Tonart“ zu achten und “lieber Wünsche zu formulieren statt Vorwürfen”. Die Bedürfnisse nach Nähe und Distanz seien unterschiedlich und auf engem Raum abzugleichen, es gelte den Partner oder die Kinder wahrzunehmen und ihnen zuzuhören. „Das heißt durchaus auch, ihnen freundlich zu sagen, dass man den Wunsch verstanden habe, aber es heute so nicht umsetzen könne“, sagt Jörg Moxter.

Bleibt telefonisch erreichbar: Pfarrer Jörg Moxter und das Team der Evangelischen Beratungsstelle in Herborn. (Foto: Becker-von Wolff)

In der Corona-Zeit sieht er zudem die Chance, nachhaltig zu lernen, wie “wir dem anderen freundlich zugewandt auch mal Nein sagen können”. Besonders für Kinder und Jugendliche ist Freiheit und Selbstbestimmung, also fast alles zu jeder Zeit tun zu können, selbstverständlich: “Aus Verantwortung zu den Mitmenschen sollten sie nun umdenken und sich selbst begrenzen.”

Dieses Umdenken fällt schwer. „Solidarität und Rücksichtnahme sind aber wichtige, lebenstaugliche und überlebenswichtige Werte“, sagt Jörg Moxter, “für Jugendliche und Pubertierende in dieser Lebensphase des Aufbruches ist es schwierig, aber lohnend, dieses Miteinander im Blick zu behalten”. Und: “Man darf sich auch zu Hause dafür gegenseitig loben und wertschätzen, dass wir für die erkrankten und helfenden Menschen so tapfer jetzt die enge Gemeinschaft aushalten”, sagt Pfarrer Moxter. Gefühle wie Trauer und den Ärger über Einschränkungen, das muss die Familie miteinander aushalten, auch wenn zu Ostern die Großeltern nicht besucht werden dürfen.

Den Blick über die Familie hinaus weiten

Seine Empfehlung: Warum nicht wieder mal einen echten Brief schreiben, an einen Menschen, der da draußen vielleicht auf eine Ansprache wartet. “Allein das Schreiben kann den Blick über den Tellerrand der familiären Enge weiten”, sagt Jörg Moxter, “oder warum nicht auch mal wieder ein echtes Telefonat tätigen, so von Ohr zu Ohr, den Kontakt mit einer menschlichen Stimme am andern Ende suchen, die mich anspricht, auch das kann etwas Erleichterung bewirken”, meint Jörg Moxter und ergänzt: “Wir in der Beratungsstelle in Herborn wollen unser Mögliches dazutun, auch wenn wir zur Zeit aus gegebenem Anlass keine direkten persönlichen Gespräche in der Beratungsstelle anbieten können, sind wir weiterhin telefonisch erreichbar.”

Zur Person:

Jörg Moxter (Jahrgang 1959) ist seit Anfang Mai 2002 als Pfarrer und psychologischer Berater in der Evangelischen Beratungsstelle Herborn tätig. 2004 übernahm er bis 2009 zusätzlich zur halben Stelle in der Beratungsstelle die halbe Stelle der neu errichteten Profilstelle Bildung. Im Rahmen dieser Tätigkeit hielt Jörg Moxter viele Vorträge auch zu Erziehungsthemen in den Kirchengemeinden im damaligen Dekanat Herborn. Die Verzahnung mit der evangelischen Erwachsenenbildung hat die Evangelische Beratungsstelle Herborn in vielen Gemeindekreisen bekannt gemacht. Pfarrer Jörg Moxter wurde 1988 ordiniert und war als Seelsorger sieben Jahre in der Gemeindearbeit und neun Jahre als Klinikseelsorger in der Psychiatrie in Bad Homburg, Frankfurt und Gießen tätig. Dort hat er viele therapeutische Gruppenangebote geleitet.