DEKANAT / Biedenkopf. Den Weihnachts-Gottesdienst das erste Mal nach vielen Jahrzehnten von einer Kirchenbank aus erleben zu können, „als normales Gemeindemitglied“ – das ist eins der Vorhaben, auf die sich Gerhard Failing besonders freut. Nach rund 38 Jahren im aktiven Pfarrdienst wird er am Sonntag in Biedenkopf von Pröpstin Annegret Puttkammer in den Ruhestand verabschiedet.

Schon 2017, nachdem er sich als Gemeindepfarrer von der Kirchengemeinde Biedenkopf verabschiedet hatte, ist der Seelsorger mit seiner Frau Sabine nach Marburg umgezogen. Die Nähe zur Universität ist ein weiterer Umstand, den der 65-jährige nun zu nutzen gedenkt: Er will als Gasthörer Vorlesungen besuchen und sich mit Systematischer Theologie beschäftigen – eine Leidenschaft, für die während der Doppelbelastung als Gemeindepfarrer und Dekan beziehungsweise Stellvertretender Dekan in den vergangenen Jahren zu wenig Zeit blieb. Außerdem will er wieder in einem Chor mitsingen und „auf jeden Fall mehr reisen“: „Das haben wir auch mit der Gemeinde früher immer gerne und intensiv getan“, erinnert er sich.

Ein dreimonatiger Auslandsaufenthalt hat ihn besonders geprägt: 2007 war er drei Monate in Beirut, wo er sich in Studienzeit mit dem interreligiösen Dialog an der Near East School of Theology (NEST) beschäftigte und mit vielen jungen Theologiestudenten sprechen konnte. „Ich glaube, dass wir und unsere Gemeinden das brauchen: Zu wissen, wie andere Christen in anderen Situationen leben“, sagt er: „Da können wir vieles lernen.“ Auch deshalb hat sich Failing in der Deutschen Regionalversammlung der Vereinten Evangelischen Mission (VEM) engagiert und die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) als Delegierter bei wichtigen Konferenzen in Kigali (Ruanda) und auf Parapat (Sumatra, Indonesien) vertreten.

Zugleich übernahm der Theologe – der 1972 schon eine Ausbildung zum Industriekaufmann abgeschlossen hatte, bevor er sich nach dem Zivildienst beim Evangelischen Gemeindeverband Wetzlar in der Offenen Altenhilfe für ein Studium der Evangelischen Theologie entschloss – schon bald nicht nur Verantwortung in seinen Kirchengemeinden, sondern auch im Dekanat. 1992 wurde er zum Stellvertretenden Dekan im Dekanat Gladenbach gewählt, 1998 übernahm er dieses Amt für das Evangelisch-lutherische Dekanat Biedenkopf, dessen Geschicke er im Anschluss von 2008 bis 2016 dann auch hauptamtlich parallel zu seinem Gemeindepfarramt in Biedenkopf als Dekan lenkte. Seit der Fusion der beiden Dekanate Biedenkopf und Gladenbach ist er wieder Stellvertreter des Dekans; mit einer halben Stelle arbeitet er zudem als Pfarrer in Simmersbach und Roth.

Pfarrer Gerhard Failing hat während seiner 38-jähirgen Dienstzeit nicht nur unzählige Male auf der Kanzel gestanden, sondern in seiner Eigenschaft als Dekan, Stellvertretender Dekan und Regionalverwaltungsverbands-Vorsitzender auch oft genug am Rednerpult. (Foto: Klaus Kordesch/eöa)

Pfarrer Gerhard Failing hat während seiner 38-jähirgen Dienstzeit nicht nur unzählige Male auf der Kanzel gestanden, sondern in seiner Eigenschaft als Dekan, Stellvertretender Dekan und Regionalverwaltungsverbands-Vorsitzender auch oft genug am Rednerpult. (Foto: Klaus Kordesch/eöa)

Die Fusion hat Failing schon 2001 befürwortet. „Da war eigentlich alles in trockenen Tüchern, doch dann hat die Synode das gekippt“, erinnert er sich an diese Schicksalsstunde: „Das wäre eine große Chance gewesen, unsere ländliche Region zu stärken, es ist uns aber damals noch nicht gelungen, die Synodalen beider Dekanatssynoden mitzunehmen“, erinnert er sich. „Ich wollte immer den größeren Zusammenhang sehen und über den Tellerrand blicken, auch wenn ich sehr gerne lokal in meinen Gemeinden verortet war“, resümiert der scheidende Pfarrer mit Blick auf seine Vikariatszeit in Breidenstein und die Pfarrstellen in Hermannstein und Biedenkopf, wo er 12 beziehungsweise 21 Jahre wirkte.

Das „Über-den Tellerrand-Blicken“ bezieht der Theologe ganz ausdrücklich auch auf das Miteinander der Religionen: „Der ökumenische Blick ist mir sehr wichtig“, betont er. „Gerade in Biedenkopf habe ich da auch eine große Offenheit erlebt, oft auch in der katholischen Gemeinde gepredigt und an Fronleichnam den Gottesdienst besucht“, freut er sich rückblickend und bezeichnet sich in diesem Zusammenhang als „Teil einer Familie“. „Ich war und bleibe sehr gerne Pfarrer, bei allen Problemen, die der Beruf so mit sich bringt.“ Vor allem der Kontakt mit Menschen bereite viel Freude – ebenso, wie ihnen die Frohe Botschaft zu vermitteln: „Wir sind von Gott geliebte Menschen und bekommen unsere Würde von ihm zugesprochen; egal, was wir tun oder wer wir sind – das ist doch eine Botschaft, die ihresgleichen sucht!“, ist Failing überzeugt.

Natürlich gab es gerade in der Seelsorge auch schwierige Momente. „In existentiellen Situationen fragt man sich manchmal, was man da noch sagen kann“, gibt der Pfarrer zu und denkt an die 16-jährige Konfirmandin, die er einst hat beerdigen müssen, oder an eine innerhalb kürzester Zeit komplett verstorbene Familie. Aber gerade dann ist die Präsenz der Kirche besonders wichtig. Manchmal werde sie in schlechtes Licht gerückt, doch trotz allem Negativen, das im Laufe der Kirchengeschichte zu beklagen sei, habe sie durch die Prämisse der Nächstenliebe bis heute vieles bewirkt, ohne das man sich die Welt nicht mehr vorstellen möchte. Das Pfarrerbild hat sich in den fast vier Jahrzehnten gewandelt, in denen Failing insgesamt vier Vikare in ihrer Ausbildung begleitet hat. Dabei habe er sich jedes Mal wieder neu mit den Inhalten auseinandersetzen können, sinniert er und ist sich sicher, dass die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen künftig noch wichtiger werden wird, auch im Hinblick auf die Nachbarschaftsräume, die sich im Dekanat Biedenkopf-Gladenbach zusammenfinden.

Viele seiner Weggefährten werden am Sonntag unter den Gästen sein, auf die Gerhard Failing sich schon lange freut; nicht nur aus den Gemeinden des Dekanats haben sich Freunde und Bekannte angesagt, sondern unter anderem auch aus EKD und EKHN. Der künftige Ruhestandspfarrer gehörte bis 2015 drei Jahre lang der Kirchensynode der EKHN an und ist seit 2010 Vorstandsvorsitzender zunächst des Regionalverwaltungsverbandes Herborn-Biedenkopf und nach der Fusion mit Weilburg des RGV Nassau Nord. Diese und andere Aufgaben, die viel Arbeit bereitet haben, lässt Failing vergleichsweise leichten Herzens hinter sich – der Abschied von den Menschen in „seinen“ Gemeinden und dem Dekanat hingegen fällt ihm sicher schwerer. In solchen Momenten erinnert er sich an eines seiner Lieblingsfotos, das ihn 2007 während seines Aufenthalts im Libanon zeigt: Auf dem Bild trägt er ein mit arabischen Schriftzeichen bedrucktes T-Shirt, dessen Aufschrift ein wenig das Mantra dieser letzten Arbeitstage sein könnte. Failing übersetzt: „Es ist genug…“ (klk/eöa)

Was im Libanon 2007 eine politische Aussage darstellte, gewinnt in diesen Tagen für Gerhard Failing eine ganz neue Bedeutung. In arabischer Schrift steht auf dem T-Shirt sinngemäß „Es ist genug!“. (Foto: Sophie Cyriax/eöa)

Vita

Gerhard Failing ist am 2. Juni 1954 in Waldgirmes geboren worden, wo er auch aufwuchs. Nach dem Besuch der Volksschule und der Kaufmännischen Berufsfachschule („Handelsschule“) absolvierte er bei Buderus in Wetzlar eine Ausbildung zum Industriekaufmann. Danach machte er sein Abitiur am Wirtschaftsgymnasium in Wetzlar, an das sich der Zivildienst beim Ev. Gemeindeverband Wetzlar anschloss. 1975 bis 1981 studierte Failing dann Evangelische Theologie in Oberursel, Heidelberg und Marburg. Das Vikariat führte ihn erstmals ins Hinterland nach Biedenkopf-Breidenstein. Als Pfarrvikar kam er 1983 in die Evangelische Kirchengemeinde Hermannstein, wo er anschließend bis 1995 auch als Pfarrer tätig war. Von 1995 bis 2016 war er Gemeindepfarrer in Biedenkopf. Als stellvertretender Dekan arbeitete Failing seit 1992 im Dekanat Gladenbach und seit 1998 im Dekanat Biedenkopf, dessen Dekan er von 2008 bis 2016 war. Seitdem ist er im fusionierten Dekanat Biedenkopf-Gladenbach wieder Stellvertreter des Dekans. (klk/eöa)

INFO

Pfarrer Gerhard Failing wird am Sonntag (27. Oktober) von Pröpstin Annegret Puttkammer aus dem aktiven Dienst in den Ruhestand verabschiedet. Der Festgottesdienst beginnt um 14 Uhr in der evangelischen Stadtkirche. Im Anschluss daran findet ein Empfang im benachbarten Gemeindehaus statt, in dessen Verlauf man sich von dem scheidenden Seelsorger verabschieden kann. (klk/eöa)

Anlässlich der Ordination von Gerhard Failing entstand 1981 dieses Foto, das ihn (2.v.l.) mit seinem Mitvikar Klaus Bastian, seinem Lehrpfarrer und Dekan Klaus Koch und Propst Hans Wilhelm Stein zeigt. (Foto: Failing / privat)

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Hrd290 Pfarrer Gerhard Failing hat während seiner 38-jähirgen Dienstzeit nicht nur unzählige Male auf der Kanzel gestanden, sondern in seiner Eigenschaft als Dekan, Stellvertretender Dekan und Regionalverwaltungsverbands-Vorsitzender auch oft genug am Rednerpult. (Foto: Klaus Kordesch/eöa)

Ordination: Anlässlich der Ordination von Gerhard Failing entstand 1981 dieses Foto, das ihn (2.v.l.) mit seinem Mitvikar Klaus Bastian, seinem Lehrpfarrer und Dekan Klaus Koch und Propst Hans Wilhelm Stein zeigt. (Foto: Failing / privat)

Bid170: Die letzte Verabschiedung in Biedenkopf ist noch gar nicht lange her: Im Juli 2016 sagten Pastoralreferent Andreas Kratz (li) und Pfarrer Christof Hentschel namens der katholischen Pfarrgemeinde dem scheidenden Gemeindepfarrer Gerhard Failing und seiner Ehefrau Sabine Failing Lebewohl. (Foto: Kordesch/eöa)

TSirt: Was im Libanon 2007 eine politische Aussage darstellte, gewinnt in diesen Tagen für Gerhard Failing eine ganz neue Bedeutung. In arabischer Schrift steht auf dem T-Shirt sinngemäß „Es ist genug!“. (Foto: Sophie Cyriax/eöa)