Wetzlar-Naunheim. Eberhard Arnold ist seit 30 Jahren Pfarrer in Naunheim. Am Sonntag, 25. August, um 14 Uhr (ACHTUNG! WNZ hatte 10 Uhr angekündigt – 14 Uhr ist korrekt!)  wird er durch Pröpstin Annegret Puttkammer in einem Gottesdienst in der Naunheimer Kirche verabschiedet. Vor 64 Jahren erblickte er das Licht der Welt in Frankfurt und ist in der Opelstadt Rüsselsheim aufgewachsen, wo er auch das Abitur ablegte. Zum 1.Oktober geht er in den Ruhestand. In den drei Jahrzehnten bis dahin hat Arnold rund 1500 Predigten gehalten, gut 1000 Naunheimer beerdigt und etwa 500 Kinder getauft.

Drei Jahrzehnte an einer Pfarrstelle sind eher ungewöhnlich, Herr Arnold. Wie ist das gekommen? Arnold: Das war von Anfang an nicht beabsichtigt. Wir hatten eigentlich vor, etwa zehn Jahre zu bleiben. Auch gab es immer mal wieder Anfragen anderer Gemeinden zum Wechsel. Aber der Kirchenvorstand hat uns immer wieder unterstützt. Unsere Arbeit hier stieß auf viel Resonanz. Und mit der Zeit haben wir uns auch in Naunheim beheimatet, Freunde gefunden. Als vor sechs Jahren der damalige Dekan Matthias Ullrich eine Bilanzierung in der Gemeinde durchführte, hat der Kirchenvorstand sich sehr deutlich für mein Bleiben ausgesprochen.

Margit Kruber-Arnold und ihr Mann Eberhard Arnold haben Gemeindearbeit immer als gemeinsame Sache verstanden. (Foto: Lothar Rühl)

Wie ging es bei Ihnen nach dem Abitur weiter?
Zunächst habe ich in Marburg studiert, dann in Heidelberg und Hamburg. Mein Vikariat, die praktische Ausbildung, führte mich nach Oberursel-Bommerheim im Taunus. Daran schloss sich ein zehnmonatiges Spezialpraktikum am Öko-Institut in Freiburg und an der EWH Koblenz an, in enger Verbindung mit Professor Günter Altner. Die erste Pfarrstelle hatte ich ab Sommer 1984 in Offenbach-Lauterborn. Hier war ich vor allem für die Jugendarbeit zuständig.

Wie kam es zu der Bewerbung in Naunheim?
Der damalige Kirchenvorstandsvorsitzende Erich Glatthaar hatte mir einen Brief geschrieben, obwohl ich ihn gar nicht kannte und mich um die Bewerbung auf die frei gewordene Pfarrstelle gebeten. Schon etwas kurios ist, dass ich das Pfarrhaus in Naunheim seit Beginn meines Studiums, im Oktober 1975, in Marburg kannte. Hier holte ich den Pfarrerssohn Jörg Stähler zum gemeinsam Studium in Marburg öfter ab und freundete mich mit ihm an. Dass ich einmal der Nachfolger seines Vaters Gerhard Stähler werden würde, im September 1989, das habe ich mir damals nicht im Traum vorstellen können.

Kann man nach 30 Jahren den Menschen von der Kanzel noch etwas Neues sagen?
Das Schöne ist, dass sich weder das Evangelium verbraucht, noch der, der Inhalt des Evangeliums ist. Der Glaube an Christus setzt mich selbst immer wieder neu in Bewegung, fasziniert mich und stellt mich infrage. Auch nach 30 Jahren macht es mir große Freude, sonntags die Kanzel in Naunheim zu besteigen und zu predigen.

Sie haben immer wieder neue Schwerpunkte gesetzt und neue Formen ausprobiert.
Am Anfang war es eher ein tastendes Fragen nach Formen. Wir probierten aus, was passt und was nicht. Bei Willow Creek und der Kirchengemeinde Niederhöchstadt mit ihren Go-Spezials haben wir ganz neue Formen für gottesdienstliche Angebote kennengelernt und in Naunheim umgesetzt. Später dann, so etwa ab 2010, haben wir durch die ehrenamtliche Mitarbeit von Pfarrer Stollwerk in unserem Gottesdienst-Team Elemente der Themengottesdienste bei uns eingeführt.

Eberhard Arnold wird am Sonntag aus dem aktiven Pfarrdienst verabschiedet. (Foto: Ev. Kirchengemeinde Naunheim)

Dazu kamen Gemeindewochen mit Pfarrer Paul Ulrich Lenz und Glaubenskurse, die wir später mit den Nachbargemeinden Hermannstein und Waldgirmes gemeinsam durchführten. Dadurch entstanden auch Haus- oder Gesprächskreise, die teilweise heute noch bestehen.
Eine besondere Beziehung verbindet uns mit Heiner Eberhardt von der Klostermühle in Obernhof/Lahn. Seine Chagall-Woche bei uns, bei der zu seinen Vorträgen über 250 Personen kamen, hat auch mir eine ganz neue Welt eröffnet, nämlich die der bildenden Kunst. Die Besuche von Ausstellungen renommierter Maler, insbesondere in der Frankfurter Schirn oder im Städel, möchte ich nicht mehr missen.

Immer wieder haben aber auch unsere Mitarbeiter für neue Schwerpunkte unseres Gemeindelebens gesorgt. Beispielsweise ist jetzt gerade eine kleine Gruppe wieder in Vorbereitung des „Lebendigen Adventskalenders“. Oder etwa ein Dutzend Mitarbeiter haben ein 14-tägig stattfindendes Sprachcafé für Flüchtlinge gegründet, gemeinsam mit unserer Ortsvorsteherin Andrea Volk.

Sie haben auch Schwerpunkte auf die Musik gelegt?
Ich höre gerne Rock- und Popmusik. Meine Frau Margit Kruber-Arnold kommt aus einer musikalischen Familie und brachte vor allem die Block- und Querflöte mit. So haben wir mittlerweile ein recht gutes Flötenensemble in der Gemeinde, das aber auch sehr stark von Meike Hofmanns Ideen und Engagement lebt.

Pfarrer Eberhard Arnold nimmt nach 30 Jahren den Hut. (Foto: Lothar Rühl)

Aber auch andere Musikstile und Formen haben ihr Zuhause bei uns. Gemeinsam mit Jonas Kleist, der sich heute Jonas Monar nennt, hat unser Sohn Mark eine kleine Bandtradition mit Amos 5 und HOPE in unserer Gemeinde begründet, der die Bands Sturzflut und ganz aktuell Orange Elephant folgten.

Apropos Familie.
1983 haben meine Frau Margit und ich geheiratet. Wir haben drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter. Die beiden Jungs gehen auch den beruflichen Weg, Menschen in pädagogischer oder psychologischer Hinsicht zu begleiten.

Die Kirchengemeinde hat ein ökumenisches Gemeindezentrum. Wie ist die Zusammenarbeit mit anderen Vereinigungen?
Das ist richtig, mit den katholischen Christen verbindet uns das 1979 erbaute Gemeindezentrum. Leider haben sich die Beziehungen zur katholischen Kirchengemeinde stark reduziert bis auf den Weltgebetstag, der auch noch mit den Nachbargemeinden gemeinsam gestaltet wird. Innerhalb des evangelischen Bereichs pflegen wir ausgezeichnete Kontakte zum örtlichen CVJM, bei dem ich selbst Mitglied bin. Und wir hatten auch einen guten Draht zur evangelischen Gemeinschaft, die inzwischen nicht mehr besteht.

Sie kamen mit Impulsen für die Jugendarbeit.
Ja, in Offenbach, in der Lauterborn-Gemeinde habe ich als junger Pfarrer, gemeinsam mit meiner Frau Margit, die Jugendarbeit neu aufgebaut.
Als wir dann nach Naunheim wechselten, hatte der damalige Kirchenvorstand auch die Vorstellung, die Jugendarbeit wieder anzukurbeln. Doch sehr schnell merkte ich, dass die Vielzahl an Aufgaben und Verpflichtungen verbunden mit der Größe der Gemeinde mir nicht die Kraft lässt, auch noch Jugendarbeit zu machen. Relativ schnell haben wir dann eine Idee aus der Naunheimer Mitarbeiterschaft aufgegriffen, nämlich einen Förderkreis für Kinder- und Jugendarbeit zu gründen. Was dann auch 1991 geschah. 1992 konnten wir dann Isolde Jacob als erste Gemeindepädagogin für Kinder- und Jugendarbeit anstellen.

Nicht nur die Jugendarbeit wird durch zusätzliche Gelder finanziert. Was war der Grund für die Gründung einer Stiftung?
Mehrere Kirchenvorsteher hatten die Idee, bei ständig abnehmenden Kirchensteuer-Zuweisungen die Gemeindearbeit mit zusätzlichen Geldern zu finanzieren. So haben wir die Stiftung „Kirche der Offenen Tür“ im Jahr 2008 gegründet.

Das Foto zur Einführung von Pfarrer Eberhard Arnold in Naunheim 1989 zeigt den heutigen Stellvertretenden Dekan Gerhard Failing (li), der damals Eberhard Arnolds Kollege in Hermannstein war und assistierte. Außerdem sind Propst Hans Günter Ermel und Dekan Hans Metzler zu sehen. (Foto: Ev. Kirchengemeinde Naunheim)

Welchen Nachfolger wünschen Sie sich?
Der Kirchenvorstand hat bereits zwei Ausschreibung gemacht. Er sucht nach einem Pfarrer oder Pfarrerin, so zwischen 35 und 45 Jahren, um verstärkt das Mittelalter und jüngere Familien anzusprechen.

Bleiben Sie in Naunheim?
Bis Ende des Jahres wohnen wir noch im Pfarrhaus in Naunheim. Etwa zum Jahreswechsel wollen wir in unsere neue Wohnung nach Niedergirmes ziehen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Lothar Rühl. Herzlichen Dank für das Überlassen des Textes und der Fotos!